r/Lagerfeuer • u/Terra411 • 1d ago
Das neue Leben
Vor drei Jahren lernte ich meinen Ehemann Ephraim kennen. Er ist Journalist und traf mich auf einer Feier, die mein Vater organisierte. Aufgrund eines neuen Wagenmodels, welches er vorstellte, beorderte er die Presse zu seiner Gesellschaft, in der Hoffnung, dass sie in den höchsten Tönen über ihn schreiben würden. Ephraim war attraktiv, sein braunes Haar war glatt nach hinten gekämmt, manchmal fiel ihm eine Strähne aus seiner Frisur hervor, was er sofort versuchte zu beheben. Es entlockte mir ein Kichern und sofort hatte ich seine Aufmerksamkeit. Obwohl er fleißig mitschrieb, was mein Vater vortrug, warf er immer wieder einen Blick zu mir herüber. Als die Gesellschaft begann sich aufzulösen trat er zu mir küsste meine Hand und von da an gab es keinen Weg zurück. Nach nur 4 Monaten verkündeten wir unsere Verlobung und nach 3 weiteren waren wir verheiratet.
„Ein Glück war es, dass meinem werten Freund und Kollege das Fieber ereilte, weswegen ich ihn an diesem Tag vertreten musste und meine, jetzt darf ich es sagen, Ehefrau Jeanette kennenlernte“, verlas er spaßeshalber bei seiner Hochzeitsrede.
Einen Journalisten zu heiraten, bedeutete aber auch einige Einbußen. Selten konnten wir in den Urlaub fahren ohne, dass Ephraim versuchte einen Artikel aus jeder Geschichte auszuschlachten, ganz gleich wie uninteressant diese auch waren. Doch störte es mich kaum, dass er hart arbeitet, den er versprach mir; uns eines Tages ein eigenes Haus zu kaufen. Mein Vater war nicht begeistert, dass ich ihn heiratete.
„Diese Arbeit ist zu sprunghaft und wie viel Geld soll er schon verdienen, dass er dir ein Haus kaufen wird“, spottete er.
An einem sonnigen Samstagnachmittag traf ich meine Freundin Isabell zu einem Tee. Nur am Rande erwähnte ich Ephraims Suche nach einem Haus für uns in dem wir unsere Zukunft verbringen wollten, da platzte es aus ihr heraus.
„Ein Freund meines Mannes, er verkauft Häuser. Oh Jeanette, da ist eins dabei das wäre perfekt für euch und das zu einem Preis, den ihr nicht ausschlagen könnt.“
„Liebe Isabell ich glaube du unterschätzt unsere aktuelle finanzielle Lage.“
„Doch vertrau mir er geht mit dem Preis runter, wenn wir es ihm sagen“, Isabells Augen funkelten, nein sie glühten und mit beiden Händen ergriff sie meine.
„Isabell wir müssen uns das genau überlegen und sparen“, äußerte ich meine Zweifel als sie plötzlich so fest zu griff, dass sich ihr Ehering in meine Haut bohrte.
„Isabell“, keuchte ich“, lass von mir ab. Ist ja gut wir schauen uns das Haus an.“
Isabell ließ meine Hände los und klatschte vor Freude in die Hände.
„Das werdet ihr nicht bereuen“, sagte sie mit einem Lächeln auf dem Gesicht.
Obwohl mir Isabells Reaktion ein unwohles Gefühl gab, sahen wir uns noch in derselben Woche das Haus an.
Wie Isabell es versprochen hatte, war das Haus fantastisch. Es hatte eine wunderschöne Holzvertäfelung und einen Raum für Ephraim zum Schreiben, so konnte er seine Artikel zuhause verfassen und musste nicht dauernd ins Büro. Ich erfreute mich sehr an dem Vorgarten. Hier blühten weiße Rosen und die Gartenmöbel waren schon da. Ich sah mich bereits dort sitzen in der Sonne und meinen Tee genießen. Einen Hintergarten hatte das Haus ebenfalls, dieser war jedoch deutlich kleiner und lag meist im Schatten des Gebäudes. Selbst der Preis war für unsere Verhältnisse bezahlbar, wir mussten uns zwar die kommenden Monate etwas einschränken, doch lebten wir unser Leben genauso wie wir es uns wünschten. Ephraim brachte einen großen dunklen Aktenschrank mit einem dicken Schloss in sein neues Arbeitszimmer, dieser kam direkt aus seinem Büro. So stand nun die teure Schreibmaschine, die er in der Redaktion benutzen durfte, ebenfalls dort. Während er packte und alles einräumte, ging ich zu ihm hoch.
„Ephraim. Ich weiß welcher Tag ist. Lass deine Arbeit doch heute ruhen“, sagte ich sanft.
Ephraim lies eine Kiste auf die andere fallen und nickte, ohne mich anzusehen. Unsere Ehe war nicht immer die Beste, doch wir waren glücklich, bis auf eine Tatsache. Ein ungeschriebenes Gesetz, das uns verbot, gemeinsam über seine Vergangenheit zu sprechen. Ephraim war vor uns schon einmal verheiratet. Seine erste Frau starb bei einem Ski Unfall. Eine gewaltige Lawine riss sie nieder. Ephraim und wenige andere überlebten diesen Tag. Das war 2 Jahre bevor wir uns auf der Party kennenlernten. Heute jährte sich dieser Tag. Oft sah mein Mann sich die alten Bilder an und fuhr zu ihrem Grabstein. Es war ein Tag an dem ich ihn meistens in Ruhe ließ. Wir sprachen kaum darüber. Zum einen wollte ich ihn nicht weiter in die Trauer stürzen und zum anderen wollte ich das Erbe seiner ersten Frau Anna nicht beschmutzen in dem ich das Thema mit in seine neue Ehe nahm. Ich fand mich damit ab, dass Ephraim einen Tag im Jahr mit Anna und nicht mit mir verheiratet war.
Als er spät am Abend heimkam öffnete er eine Kiste und holte seine alten Skier hervor. Er zerbrach sie, hakte sie kurz und klein und warf sie schlussendlich fort.
„Die Vergangenheit soll die Vergangenheit sein. Heute beginnt unser gemeinsames Leben in diesem Haus“, sagte er mir vor dem zu Bett gehen.
Ich lächelte ihn an als er das Licht in unserem Schlafzimmer erlosch.
Normalerweise erwachte Ephraim früher, doch die Sonne schien mir durch einen Spalt der Fensterläden so hell ins Gesicht, dass ich kein Auge mehr zu bekam. Ärgerlich für einen Sonntagmorgen, doch machte ich mir nichts draus und wollte dem neuen Tag mit Elan begegnen. Ich wollte mir soeben eine Kanne Tee aufgießen und das Brot zum Frühstück aufschneiden, als ich bemerkte, dass sich unsere Schlafzimmer nur schwerfällig öffnete. Ich drückte dagegen und ein Knirschen erklang, gefolgt von einem lauten Gepolter. Die Tür öffnete sich und im Flur lagen zwei Skier. Ich glaubte erst meinen Augen nicht. Hatte Ephraim noch ein Paar gehabt und sie des Nachts nicht mehr weggeräumt? Ich betrachtete sie genau, neu waren sie auch nicht. Nein, es waren exakt die Skier, die mein Mann letzten Abend in winzige Stücke zerbrach. Ephraim sprang aus dem Bett, offenbar von dem Gepolter erschrocken.
„Was war das?“, fragte er verwirrt und sah nun ebenfalls die beiden Skier an.
„Sie waren angelehnt an unsere Schlafzimmertür“, sagte ich und sah fragend zu ihm.
Mein Mann sah fassungslos auf die Skier. Eilig hob er sie dann auf, zerbrach sie erneut und warf sie wieder in den Müll.
„Ephraim. Was war das?“, fragte ich ihn, um mir auch nur irgendeinen Reim darauf machen zu können.
„Keine Ahnung. Vermutlich ein Streich der neuen Nachbarskinder. Oder ähnliches“, sagte er, doch ich spürte das gleiche Unbehagen in ihm, welches in mir rumorte.
Ich versuchte den Tag zu genießen, doch musste ich immer wieder an den Morgen denken. Ein Schauer durchfuhr mich bei dem Gedanken, dass sich jemand des Nachts vor unser Schlafzimmer schlich. Die Geschichte mit den Nachbarskindern glaubte ich ihm nicht und er sich selbst mit Sicherheit auch nicht. Zum Glück kam bald die Ablenkung. Isabell besuchte mich und gemeinsam saßen wir im Garten unseres neuen Hauses.
„Da habt ihr wirklich ein Schnäppchen gemacht“, beglückwünschte sie mich und hob vorsichtig die Tasse Tee für einen großen Schluck
„Das haben wir schließlich dir zu verdanken“, entgegnete ich freundlich.
Isabell setzte den Tee langsam wieder ab.
„Wovon redets du?“
„Na von dem Freund deines Mannes. Der Makler.“
„Mein Mann kennt keine Makler“, entgegnete sie kopfschüttelnd und sah mich an, als würde ich behaupten der Mond sei aus Käse.
„Aber Isabell. Du hast mich doch auf das Haus aufmerksam gemacht.“
Isabells Blick wurde nervös.
„Du bist heute aber seltsam Jeanette. Solltest du dich lieber etwas in den Schatten setzten?“
Beinahe wurde ich aufbrausend, wollte Isabell an den Schultern packen und schütteln, doch ich beließ es dabei.
„Da muss ich etwas verwechselt habe“, entgegnete ich nur.
In der Nacht versicherte ich mich, dass die Fensterläden und die Schlafzimmertür fest zugeschlossen waren und legte mich zu meinem Ehemann ins Bett. Er war seltsam still. Die Situation am morgen machte ihn offenbar nachdenklich. Als ich ihm von Isabell erzählte, verzog sich sein Gesicht. Lange lagen wir beide wach und starrten an die Decke. Ich weiß nicht genau, wann ich einschlief, doch als ich am Morgen erwachte, wusste ich, dass mich schlimme Träume beschert hatten, auch wenn ich mich an keine von ihnen erinnern konnte. Vorsichtig öffnete Ephraim die Tür, doch dieses Mal waren keine Skier dort. Wir atmeten auf doch, stattdessen durchfuhr mich diesen Tag eine unglaubliche Kälte. Trotz der strahlenden Sonne fror ich am ganzen Körper, egal wie viele Decken ich mir überwarf. Ich war mir sicher, dass dies nur eine Erkältung sein konnte und zog mich zurück ins Bett, während mein Mann den Tag in seinem Büro verbrachte. Bei einem kurzen Blick in den Spiegel erschrak ich. Nicht meine gelockten braunen Haare waren zu sehen, sondern kinnlanges glattes Blondes Haar und ein mir völlig fremdes Gesicht. Vor Schreck warf ich den kleinen Handspiegel zu Boden. Ephraim eilte zu mir und sein Gesicht war kreidebleich. Ich musterte mein Spiegelbild erneut in einem der Scherben auf dem Boden, doch sah ich darin wieder mein eigenes Antlitz.
„Irgendwas stimmt nicht“, sagte ich mit zitternder Stimme.
Seine Augen lagen tief als er mich ansah und nickte. Er holte einen Besen, um die Scherben aufzufegen. Dabei sah ich das seine Hände zitterten.
„Ist dir auch so kalt?“
„Ja. Vermutlich eine Erkältung“, sagte er leise.
Irgendetwas ging von ihm aus. Ich fühlte mich unwohl und eingeengt in seiner Nähe, ein Gefühl, dass ich so noch nicht kannte. Ohne ein weiteres Wort zu sagen, verließ er das Schlafzimmer. Ich sah ihm noch einen Moment nach und fiel dann auf die Knie.
„Bitte. Ich habe nichts falsch gemacht. Vergib mir“, flüsterte ich mit bibbernder Stimme.
Den Rest des Abends verbrachte ich damit das Vater Unser zu beten wieder und wieder, bis mich eine unerwartete Müdigkeit traf. Ich erinnere mich nur noch, wie ich plötzlich erwachte. Ich hatte keine Ahnung, ob es Dämmerung oder früher Morgen war. Die Kälte hatte meinen Körper verlassen, doch stand sie nun im Haus. Ich war offenbar im Sitzen eingeschlafen. Ephraim war nicht neben mir. Langsam erhob ich mich und schritt durch das Haus. Es war still. So still, dass selbst das Ticken der Uhr nicht zu hören war. Ich öffnete Ephraims Büro, doch fand ich den Raum verwaist vor. Auf seinem Schreibtisch lag ein Verzeichnis. Offenbar war es von dem Verkäufer. Gelistet waren alle Daten die das Haus betrafen, sein Bau, beteiligte Firmen und alle vorigen Besitzer dieses Hauses. Ein Familienname war eingekreist. Vor 28 Jahren lebte hier offenbar eine Familie mit dem Namen Woolchild. Die Tinte war noch frisch, offenbar hatte Ephraim das Büro erst vor wenigen Minuten verlassen. Ich schritt die Treppen hinunter, hier wurde es immer kälter als ob ich auf einen großen Block Eis zuginge. Eine ziehende Kälte, als würde sie mir den Weg leiten. Sie führte mich vorbei an unserer Haustür. Der Schlüssel steckte von innen drin, als hätte Ephraim versucht die Tür abzuschließen, doch bemerkte ich, dass sie aufgeschlossen war. War er aus dem Haus gegangen und hatte den Schüssel drinnen stecken lassen?
„Ephraim?“, rief ich und eine Gänsehaut überkam mich.
Die Kälte zog mich tiefer in unser Haus hinein, als würde sie mir etwas zeigen wollen. Wie ein Windhauch leitete es mich in unseren Keller. Durch ihn konnten wir das Haus zum Hintergarten verlassen. Ich sah die dunkle Treppe hinab. Hier spürte ich den Ursprung der Kälte. Meine Hand zitterte und ich schaltete das Licht ein. Am Ende der Treppe lag ein kleiner aufgeschütteter Hügel Schnee. Aus ihm ragten zwei Beine heraus. Es waren die Beine meines Mannes Ephraim.
Die Leiche meines Mannes wurde genaustens untersucht. Offenbar starb er bei einem Sturz. Er musste hektisch hinunter gestürmt sein und Brach sich nicht nur den Hals und das Genick sondern auch einen Teil seines Schädels und seinen rechten Arm. Woher der Schnee kam konnte sich niemand der Anwesenden erklären. Ich entschied mich sofort das Haus zu verkaufen und zog zurück zu meinem Vater. Ich sprach kaum noch und war verängstigt. Immer wieder durchlebte ich diese grausigen Tage erneut. Jede Nacht sah ich im Traum die Leiche meines Mannes im Schnee liegen. Selbst bei wärmsten Wetter trug ich nun einen Schal und mied die Kälte.
Endlich wurde das Haus verkauft, nach vielen Monaten. Ein letztes Mal betrat ich es und das Büro meines verstorbenen Mannes. Fragen quälten mich. Wieso musste er nur sterben. Ich wollte wissen, warum er die Hausunterlagen so kurz vor seinem Tod durchblätterte, etwas musste es damit auf sich haben. Ich schloss den Schrank auf den er von der Arbeit herüberbrachte. Darin lagen viele Papiere. Stapelweise fand ich Seiten, Artikel und Bilder. Ein Schock fuhr mir durch Mark und Bein, als ich sah, dass sie alle von mir handelten. Pressebilder wie ich neben meinem Vater stand. Artikel über das Leben meines Vaters, doch waren alle Zeilen und Absätze die von seiner Tochter handelten eingekreist. Ich fand sogar Bilder die offenbar in meinem Schlafzimmer gemacht worden waren als ich noch im Elternhaus lebte. Sogar Abschriften meines Tagebuchs fand ich darin. Entsetzt ließ ich den Stapel fallen. Mir wurde übel und sofort eilte ich aus dem Haus heraus. Ich ging einfach weiter. Die Straße hinab. Ich wollte so lange gehen bis ich endlich vergessen hatte was ich dort fand, doch ohne, dass ich es bemerkte stand ich auf einem Friedhof. Ich erkannte ihn, doch sah ich ihn stets nur aus der Ferne. Das war der Friedhof, an dem mein Mann Ephraim immer zum Todestag seiner ersten Frau Anna Blumen hinlegte. Ich kam nie mit, da ich es für nicht angemessen hielt. Doch jetzt stand ich dort vor dem Stein: Anna Goldberg geborene Woolchild. Geboren am 18.11.1898 gestorben am 24.06.1928.
„Gestorben am 24.06.1928“, las ich laut mit zitternder Stimme vor.
Anna starb nicht zwei Jahre zuvor. Sie starb in der Nacht, als ich Ephraim kennenlernte.