r/WriteStreakGerman • u/Plus_Pepper_1600 • 2h ago
Bei Gelegenheit korrigieren Streak 428 — Mesusa
Gestern bin ich in meine neue Wohnung eingezogen. Jetzt muss ich statt des Edeka[s?] dem Rewe treu sein, weil dieser Supermarkt jetzt der meinem Haus nächste ist. Ansonsten muss ich in meinen Gewohnheiten fast nichts mehr ändern. Die Wohnung ist nicht so neu wie die alte, aber sie gefällt mir trotzdem. Alle Sachen habe ich bereits ausgepackt und genieße jetzt mein Leben.
Ich habe euch versprochen, vorerst keine Texte übers Judentum mehr zu schreiben. Da ich gestern umgezogen bin, muss ich jedoch noch einen schreiben, und dann unterlasse ich das, ich verspreche!!! Ich dachte einfach, ihr würdet euch dafür interessieren, welche Traditionen es bei den Juden gibt, wenn sie in ihr neues Zuhause einziehen.
Das letzte was ich getan habe, bevor ich meine Kartons in einen Wagen gestellt habe und mich von meinem bisherigen Wohnkomplex verabschiedete, war in meinen lieben Edeka gehen und dort Brötchen holen. Warum? Weil das Erste, was in eine neue jüdische Wohnung hineingebracht werden muss, Brot und Salz sind. Das ist eine unerhörte Dreistigkeit meinerseits, das zu behaupten, aber Brot und Brötchen sind dasselbe, deshalb habe ich mich für Brötchen statt Brot entschieden. Mit Brötchen in einer Hand und mit Salz in der anderen bin ich meine neue Wohnung betreten. Das soll dafür sorgen, dass ich in meiner neuen Wohnung nicht verhungere, was natürlich ein sehr unerwünschter Ausgang der Ereignisse wäre.
Außerdem gibt es noch eine, viel wichtigere Tradition. Und zwar das Anbringen einer Mesusa. Auf dem ersten Foto seht ihr ein schmales Etui auf dem Türpfosten. Dort drinnen liegt eine kleine Rolle mit einem Ausschnitt aus der Tora. Das ist die Mesusa. Das Etui selbst kann unterschiedlich teuer sein, und es gibt es in den unterschiedlichsten Farben und Ausführungen. Die Rolle ist hingegen immer sehr teuer, weil sie aus echtem Pergament hergestellt wird und immer von Hand mit echter Feder geschrieben wird. Es gibt dafür spezielle Leute, die Sofrim (Singular: Sofer) heißen. Sie stellen Torarollen für Synagogen (in Synagogen wird an manchen Tagen ein Abschnitt aus der Tora vorgelesen, und man liest ihn immer aus einer Rolle und nicht aus einem Buch), kleinere Rollen für die Mesusot und für die Tefillin her (davon erzähle ich bei der nächsten Gelegenheit, nachdem genug Zeit vergangen ist, um bei euch keine Allergie gegen das Judentum durch meine Texte zu verursachen). Das ist ein sehr wichtiger Beruf, weil man die gesamte Rolle wegwerfen muss, wenn auch nur ein Fehler begangen wird. Es ist außerdem ein wichtiger Teil der jüdischen Kalligrafie. Im Juli hatten wir eine Ausstellung in der SLUB (der Sächsischen Landes- und Universitätsbibliothek), bei der ein Sofer hinter dem Glas saß und eine Torarolle schrieb. Das ist sehr fesselnd.
Auf dem Etui sieht man immer einen großen Buchstaben Schin (ש, siehe das Foto im Kommentarbereich) ganz oben. Das ist der erste Buchstabe eines der Namen Gottes: Sch-D-J. Dieser Name ist bemerkenswert, weil er zugleich eine Abkürzung des Satzes „Schomer Dlatot Jisrael“ ist. Auf Deutsch bedeutet das: „Türen [des Volkes] Israel bewachender“. Meine Mesusa enthält außerdem einen Ausschnitt aus dem wichtigsten Gebet des Judentums, dem einzigen Gebet, das in der Tora selbst erwähnt ist: „Schma, Jisrael!“ (Hör zu, Israel!). Man kann das mit dem „Vaterunser“ bei den Christen vergleichen.
Nachdem eine Rolle in ein Etui gesteckt wurde, nimmt man Nägel oder Klebeband und bringt die Mesusa an. Sie muss an der Eingangstür sowie an den Türen aller Zimmer (außer Toiletten, Balkonen usw.) eines jüdischen Hauses hängen. An der Eingangstür muss sie draußen hängen, was in Russland übrigens fast nie möglich ist, weil dort Eingangstüren nach außen geöffnet werden und sich der Türpfosten deshalb innerhalb der Wohnung befindet. Deutschland ist diesbezüglich viel Mesusa-freundlicher. Auf dem rechten Türpfosten misst man drei gleich große Abschnitte. Eine Mesusa muss im oberen Drittel angebracht werden. Genauer gesagt: im unteren Teil des oberen Drittels. Die Sefarden installieren die Mesusa senkrecht. Die Aschkenasen hingegen hängen sie schräg auf, mit dem oberen Teil in die Richtung der Wohnung. Der Grund dafür: Im Mittelalter stritten zwei Rabbiner, ein Vater und sein Sohn, miteinander darüber, ob die Mesusa senkrecht oder waagerecht angebracht werden müsse. Da sie sich nicht einigen konnten, legten sie fest, dass man die Mesusa schräg aufhängen müsse. Eine sehr jüdische Lösung.
Es ist üblich (ist jedoch keine Pflicht), dass man seinen Rabbiner zur Installation einlädt. Meiner war jedoch beschäftigt, weshalb ich das alleine gemacht habe. Während des Anbringens hält man die Mesusa in der rechten Hand und spricht einen Segensspruch. Und das war’s. Nach diesem Prozedere ist meine neue Wohnung zu dem Pult von Gott aufgeschaltet, und er weiß nun, dass er diese Wohnung bewachen soll. Der beste Sicherheitsdienst der Welt!
Nach meinem Auszug muss ich die Mesusa hängen lassen und darf sie nicht mitnehmen, sollte der nächste Bewohner dieser Wohnung auch Jude sein (ich darf aber verlangen, dass er mir die Kosten erstattet!). Wenn der nächste Mieter kein Jude ist, dann kann (und muss) ich sie mitnehmen. Einmal in dreieinhalb Jahren muss man die Mesusa beim jüdischen TÜV kontrollieren lassen, damit überprüft wird, dass die Rolle immer noch intakt ist.
Das ist eine sehr wichtige Tradition und ein sehr wichtiges Gebot. Eine Mesusa gibt es am Eingang fast zu jedem jüdischen Haus, überall. Das ist bereits seit mehreren Jahrtausenden unser Erkennungszeichen. Man könnte sich weder an Kaschrut noch an Schabbat halten, man könnte keine Kippa tragen, aber auf eine Mesusa verzichtet fast niemand. Solltet ihr eine Mesusa sehen, so wisst ihr: Dort wohnt ein Jude. Wenn ihr ein Haus mit einer Mesusa betretet, solltet ihr sie zärtlich streicheln und anschließend die Finger küssen. Mesusot sind übrigens auch in allen Synagogen der Welt zu sehen, und wenn ihr einmal in einer Synagoge zu Besuch seid, so achtet darauf, den rechten Türpfosten anzuschauen, dort eine Mesusa zu finden und ihr euren Respekt zu zeigen. Die Mesusot sind eines der Dinge, durch die ich das Gefühl bekomme, dass ich mehr bin als nur ich und dass es mehr gibt als nur mich. Ich bin Teil dessen, was Jahrtausende lang vor mir geschah und hoffentlich noch mehrere Jahrtausende nach mir geschehen wird. Das ist für mich ein atemberaubender Gedanke.
Ich wünsche allen ein gemütliches Zuhause!