Kontext:In allen westlichen Ländern der Nachkriegszeit galt vor allem eine Grundannahme: Autos sind die Zukunft. Deshalb war natürlich klar, dass man alle Städte fürs Auto angemessen gestalten und zwischen den Städten für schnelle Verbindungen sorgen musste.
Westdeutschland hatte durch die Naziprojekte einen gewissen Vorsprung, auch wenn die Realität des kalten Krieges natürlich die Verkehrsströme drastisch änderte. Jedenfalls wurden in den 1960ern und frühen 70ern absurd viele neue Autobahnstrecken geplant.
Nach der großen Ölkrise 1973 begann dann langsam die Katerstimmung: Nicht nur Treibstoff, sondern auch der Streckenbau selbst war unglaublich viel teurer als erwartet. Proteste häuften sich. Einige übermäßig optimistische Berechnungen über die Nutzungszahlen hatten sich als unrealistisch herausgestellt, damit entfielen einige Projekte. Dass ÖPNV und Fußgänger- sowie Radfahrer-freundliche Verkehrswege vielleicht auch einen Mehrwert haben, wurde spätestens ab den 80ern deutlich. Und auch der Naturschutz kristallisierte sich seinerzeit als bedeutsamer Faktor heraus und machte viele Trassen schwer umzusetzen.
Von den angedachten Strecken sind viele längst in der Schublade verschwunden, andere wurden teilweise oder als Bundesstraßen gebaut. Übrig blieben weitere Millionengräber in Form von Bauvorleistungen, die nie ihren Nutzen erfüllen werden.
Die Website http://www.autobahnatlas-online.de habe ich nal konsultiert, sie führt alle, auch späteren Pläne auf, neben der Tendenz für noch mehr Stadt- und Ringautobahnen sind mir folgende längere nicht umgesetzte Pläne aufgefallen, falls es wen interessiert:
- die Innenstadt von Berlin hätte quasi ein Schachbrettmuster aus Autobahnen bekommen
-die A25 sollte aus westdeutscher Sicht ursprünglich die Direktverbindung von Hamburg nach Berlin bilden. Die Verhandlungen zwischen den beiden deutschen Regierungen resultierten jedoch in einem Ausbau der heutigen, nördlicher verlaufenden A24 zur Transitautobahn nach Berlin.
-das ohnehin schon brutal dichte Netz der Region Rhein-Ruhr wäre noch enger geworden, vor allem im Bereich Solingen/ Remscheid und in Dortmund. Eine A56 hätte eine südliche und westliche Umgehung von der niederländischen Grenze über Bonn bis zur A4 Olpe dargestellt
-Die fehlende A4 zwischen Olpe und der A7.
-Hannover hätte ein super dichtes Netz mit einer A37 von Hildesheim nach Celle, A35 (Nienburg- Garbsen -Hameln (dort Übergang zu einer A36 nach Bad Harzburg)- Bielefeld) und eine A30 als südlichere Verbindung nach Braunschweig mit anderer Kreuzung der A2 als heute.
--im Bielefeld hätte die erwähnte A35 sich mit einer A47 (Abzweig von der A30 nahe Herford über Gütersloh zur A46 bei Meschede) und der A5 kreuzen sollen.
-A5 in NRW? Richtig gehört, denn es sollte eine ganz andere nördliche A5 gebaut werden, die ab ungefähr Gießen durch West-Hessen, Ostwestfalen-Lippe , Niedersachsen und Bremen bis kurz vor der Wesermündung führen sollte
-Von dieser A5 hätte südöstlich von Paderborn die A46 abzweigen sollen, die zur innerdeutschen Grenze und ab da weiter bis zur A38 bei Nordshausen geführt werden sollen
-die heutige nördliche A5 war ungefähr als A48 geplant, die ab Koblenz über Wetzlar und Gießen, wo es heute eine A480 gibt, auf diese Trasse und dann in die A7 einmünden sollte
- in der gleichen Gegend war eine etwas andere A49 von Frankfurt nach Kassel geplant, deren realisierte Teilabschnitte heute A485 und A661 heißen.
-Die A8 sollte zwischen Pirmasens und Karlsruhe nicht unterbrochen sein. Die Rheinquerung sollte südlich von Karlsruhe stattfinden.
-in Bayern war eine A91geplant, die nahe Crailsheim die A7 verlassen sollte, bis bei Donauwörth eine A77 nach Nürnberg einmündet, dann nach Augsburg führt, ungefähr dem Lech folgt und kurz vor der österreichischen Grenze wieder in die A7 einmündet
-der A93 fehlt eine Verbindung zwischen den beiden Teilen, die ungefähr über Landshut laufen sollte. Südlich von Regensburg heißt heute eine Strecke A93, die eigentlich als A90 geplant war und südlich von Augsburg in die eben erwähnte A91 münden sollte.
Und jetzt Baden-Würrtemberg, wo besonders viel nicht realisiert wurde:
-die A45 sollte eine weitere Nord-Süd-Verbindung und vor allem eine Ostumgehung für Stuttgart darstellen. Dazu würde sie bei Kirchheim/Teck in die A8 münden.
-Die A8 hätte mit der anderen Rheinquerung eine neue Trasse (durch den Schwarzwald, also schwer zu bauen) gebraucht, die in der Nähe von Pforzheim die bestehende Strecke treffen sollte. Der alte Abschnitt von da nach Karlsruhe wäre zur A82 geworden, die ebenfalls nach Stuttgart führen würde.
-Außerdem durch Stuttgart gehen sollten eine A80 Germersheim-Ulm (heute größtenteils B10), A83 (A45 Laufen-Stuttgart- Tübingen -schwäbische Alb- nahe Donaueschingen), A85 ( von der A6 bei Schwäbisch Hall nach Stuttgart, Reutlingen und Richtung Ravensburg), A87 nach Aalen und eine A81, die wirklich an Stuttgart vorbeiführt, statt sich mit der A8 die Trasse zu teilen
-Schwarzwaldautobahnen waren als A84 Kirchheim- Tübingen -Freudenstadt - A5 bei Achern und A86 Freiburg über Donaueschingen durchs Donautal nach Ulm geplant.
-Ulm hätte einen richtigen Ring bekommen, weil die Planer wollten, dass alle dort endenden Autobahnen sowohl mit der A7 als auch A8 verbunden sind. Die Bundesstraßen dort realisieren das heute zum Teil. Neben den erwähnten Autobahnen A86 und A80 wäre dies außerdem noch eine A89 gewesen, die über Ravensburg (dort Anschluss zur A85, außerdem bei Biberach Kreuzung mit einer A88 vom Donautal zur A7 nahe Memmingen) nach Friedrichshafen am Bodensee
-Zuletzt: Eine A98, die tatsächlich eine durchgehende Verbindung darstellt. Sollte dem Rhein bis zur Schweizer Grenze folgen, dort an eine eidgenossische Autobahn angebunden sein, ab Singen wieder in Deutschland verlaufen, dann als Bodenseeautobahn, durchs Allgäu und Südbayern bis zur A8 westlich von Rosenheim führen.