Ich weiß nicht genau, was ich mir von diesem Post erhoffe. Vielleicht Verständnis. Vielleicht Menschen, die etwas Ähnliches erlebt haben. Vielleicht einfach jemanden, der mir sagen kann, dass man aus so einer emotionalen Abhängigkeit tatsächlich wieder herauskommen kann. Vielleicht ist das mein erster Hilferuf nach Jahren, wo ich nicht weiß mit wem ich über dieses Thema reden soll, denn keiner versteht mich.
Ich schreibe bewusst anonym, weil ich mich inzwischen für vieles schäme und Menschen in meinem persönlichen Umfeld nur einen Bruchteil dessen wissen, was tatsächlich in meiner Beziehung passiert. So war es aufgrund unserer speziellen Beziehung immer schon, aber nach außen hin, wirken wir wie das perfekte Paar.
Ich bin seit ungefähr vier Jahren mit meinem Partner zusammen. Er ist doppelt so alt wie ich. Er könnte mein Vater sein.
Das Problem ist: Ich kenne ihn nicht nur als den Menschen, der er heute zu mir ist.
Ich kenne einen vollkommen anderen Mann.
Als wir uns kennenlernten, lebten wir sogar in unterschiedlichen Bundesländern. Unser Kontakt bestand zunächst hauptsächlich aus Telefonaten und Nachrichten. Ich kannte Bilder von ihm aus dem Internet, aber unser tatsächliches Kennenlernen war sehr außergewöhnlich: Die ersten ungefähr drei Monate unserer persönlichen Begegnungen lernte ich ihn blindfolded kennen. Erst danach zeigte er sich mir vollständig.
Es klingt wahrscheinlich für Außenstehende unvorstellbar, aber so war es und für mich entstand dadurch eine unglaublich intensive Bindung.
Und der Mann, den ich damals kennenlernte, war unglaublich liebevoll zu mir.
Er war romantisch. Er machte mir Geschenke. Er gab mir das Gefühl, etwas ganz Besonderes für ihn zu sein. Er las mir gefühlt jeden Wunsch von den Lippen ab. Wir verbrachten praktisch Tag und Nacht miteinander.
Schon nach einem Monat Schreiben, zog ich für ihn aus einem anderen Bundesland zu ihm.
Danach haben wir ungefähr vier Jahre zusammengelebt.
Wir hatten nicht nur irgendeine sexuelle Beziehung. Wir hatten ein gemeinsames Zuhause und einen Alltag. Wir gingen gemeinsam auf Reisen, verbrachten unsere Freizeit miteinander und führten neben unserer besonderen Dynamik auch eine vollkommen normale Partnerschaft.
Gleichzeitig entwickelte sich zwischen uns eine immer intensivere 24/7-D/s-Beziehung auf Total Power Exchange Basis.
Als wir uns kennenlernten, hatte ich mit dieser Welt kaum Erfahrung. Er hat mich hineingeführt. Mit der Zeit entdeckte ich immer mehr Seiten an mir und wollte diese Dynamik selbst immer intensiver leben.
Wir haben gemeinsam sehr vieles ausprobiert und erlebt – BDSM, Swingerclubs, sexuelle Erfahrungen mit anderen Menschen, von ihm organisierte Gruppenerfahrungen, Bestrafungen, Rituale, aber genauso Zärtlichkeit, Nähe, Reisen und vollkommen gewöhnliche gemeinsame Abende. Er führte mich in diese Welt ein.
Ich erwähne das nicht wegen der sexuellen Details, sondern weil es wichtig ist, um zu verstehen, warum diese Bindung für mich so schwer mit einer gewöhnlichen Beziehung vergleichbar ist.
Er war irgendwann gleichzeitig mein Partner, mein Dom, meine wichtigste Bezugsperson, mein Zuhause und der Mensch, von dem ich mich führen ließ aber auch mein Papa.
Und ich wollte das.
Unsere Dynamik wurde mit den Jahren immer stärker. Ich wollte immer mehr Kontrolle abgeben. Seine Anerkennung wurde für mich immer wichtiger.
Es gab außerdem immer wieder andere Frauen in unserem Beziehungsmodell. Das war grundsätzlich etwas, womit ich einverstanden war. Ich bin selbst an Frauen interessiert und konnte mir durchaus vorstellen, dass daraus irgendwann eine Art gemeinsame Dreier Beziehung entstehen könnte.
Mehrmals gab es Frauen, die sich zeitweise mehr oder weniger stark unserem Leben beziehungsweise unserer Beziehung anschlossen. Langfristig hat es allerdings nie funktioniert.
Schon als ich meinen Partner kennenlernte, gab es eine andere Frau in seinem Leben. Diese Verbindung endete schließlich. Sie war nach meinem Eindruck wesentlich freiheitsliebender und wollte ihr Leben weniger stark von ihm bestimmen lassen. Mit der Zeit wurde der Kontakt zwischen ihnen immer weniger, bis es vorbei war.
Ich dagegen bin geblieben.
Und ich habe mich immer weiter in seine Welt hineinbegeben.
Vielleicht ist genau das heute ein Teil meines Problems.
Denn irgendwann war er nicht mehr einfach ein Mensch, den ich liebte.
Er wurde zu meiner gesamten emotionalen Struktur.
Ich habe aus meiner Kindheit ein sehr schwieriges Verhältnis zu meinem Vater mitgenommen. Beziehungsweise gar keines. Nach emotionalen und auch körperlichen Übergrifflichkeiten in meiner Kindheit, habe ich seitdem ich 7 Jahre alt bin, keinen Kontakt mehr mit meinem Vater und ich kenne ihn nicht. Mir haben dadurch Anerkennung, Führung, Aufmerksamkeit und das Gefühl geliebt zu werden gefehlt, für meinen Vater wichtig und „gut genug“ zu sein.
Und irgendwann hat mein Master, wahrscheinlich viel stärker, als es gesund für mich war, genau diese Stelle in meinem Leben eingenommen. Es geschah unbewusst aber es gefiel mir, sobald es mir klar wurde das ich in ihm genau meinen Vater wiedergefunden habe, das Aussehen, die Sprache und vieles mehr.
Ich wollte sein „braves Mädchen“ sein.
Ich wollte hören, dass er stolz auf mich ist.
Ich wollte seine Anerkennung.
Wenn er mich führte, fühlte ich mich sicher. Wenn er zufrieden mit mir war, fühlte ich mich wertvoll. Wenn er seine Aufmerksamkeit entzog, fühlte ich mich plötzlich wie das kleine Mädchen, das wieder nicht gut genug gewesen war.
Das alles wurde mir allerdings wie schon erwähnt erst viel später bewusst.
Dann kam dieses Jahr eine enorme Veränderung: Ich zog aus beruflichen Gründen ins Ausland.
Wir führen seitdem eine Fernbeziehung.
Vorher hatten wir miteinander vereinbart, dass wir das schaffen würden. Dass unsere Beziehung dadurch nicht kaputtgehen würde. Das ich jederzeit nach Hause kommen kann.
Seitdem habe ich jedoch das Gefühl, den Menschen, den ich vier Jahre lang kannte, immer weniger wiederzuerkennen.
Natürlich kann ich ihm aus mehreren Tausend Kilometern Entfernung nicht mehr das bieten, was unser gemeinsamer Alltag früher war. Ich kann nicht jeden Abend neben ihm sein. Unsere Sexualität und unsere D/s-Dynamik können nicht genauso stattfinden wie früher. Auch gemeinsame Begegnungen mit anderen Frauen sind wesentlich schwieriger geworden.
Und ich habe das Gefühl, dass insbesondere Letzteres bei ihm sehr viel Frustration auslöst.
Ich versuche trotzdem ständig, etwas für ihn zu tun.
Ich schicke ihm erotische Bilder. Ich versuche, Begegnungen und Kontakte mit Frauen für ihn zu organisieren. Ich verwende freie Tage darauf, möglichst nach Hause zu kommen. Ich versuche trotz der Entfernung, seine Aufgaben zu erfüllen und ihm weiterhin zu zeigen, dass ich ihm gehöre und unsere Dynamik für mich einfach alles ist.
Aber mittlerweile scheint nichts mehr genug zu sein.
Und genau hier beginnt der Teil, den ich selbst nicht mehr rechtfertigen kann.
Ich werde regelmäßig beleidigt.
Mir wird gesagt, ich sei dumm. Ein Trampel. Eine Beleidigung. Ein Witz. Eine Energie-Räuberin. Dass er nicht mehr stolz auf mich sein könne. Dass ich nichts zurückgebe. Dass ich ihn enttäusche.
Es gibt Kontaktsperren als Bestrafung. Wenn ich dann aus Verzweiflung weiterrede, werden sie verlängert. Teilweise wird damit gedroht, geplante gemeinsame Zeit abzusagen.
Es gibt körperliche Bestrafungen innerhalb unserer Dynamik und Ankündigungen sehr hoher Zahlen von Schlägen.
Und hier möchte ich etwas ganz deutlich sagen:
Ich mag BDSM. Ich mag Unterwerfung. Ich mag Führung. Ich mag bestimmte Formen von Demütigung und Schmerz.
Ich möchte deshalb nicht hören, dass diese Bedürfnisse automatisch krank oder falsch seien.
Aber mittlerweile weiß ich selbst nicht mehr, wo meine freiwillige Unterwerfung endet und tatsächlicher Missbrauch beginnt.
Denn inzwischen fallen Aussagen, die mir Angst machen.
Er hat beispielsweise gesagt, dass er mich erschlagen beziehungsweise umbringen würde, wenn ich nach Hause komme.
Und ich weiß, dass das nicht mehr einfach „Dominanz“ ist.
Trotzdem passiert etwas vollkommen Irrationales in mir und ich weiß ich bin verrückt.
Ich will einfach zu ihm. Ich bin bereit meine Karriere hier zu beenden und ich will einfach diese Beziehung zurück die wir damals hatten.
Ich möchte ausgerechnet zu dem Menschen zurück, der mir solche Dinge sagt.
Ich möchte, dass er mich in den Arm nimmt.
Ich möchte den Mann zurück, den ich kennengelernt habe.
Und genau deshalb fühle ich mich mittlerweile wie in einem Gefängnis, dessen Tür vielleicht offensteht, aus dem ich aber emotional trotzdem nicht herausgehen kann.
Dazu kommt ein finanzielles Thema.
Über längere Zeit habe ich ihm immer wieder Geld gegeben beziehungsweise geliehen. Insgesamt sind inzwischen mehrere Tausend Euro zusammengekommen. Die entsprechenden Gespräche, Forderungen und Zahlungen habe ich dokumentiert.
Auch dort frage ich mich mittlerweile, warum ich keine Grenze gezogen habe.
Aber sobald dieser Mensch etwas von mir braucht, entsteht in mir dieses Gefühl: Jetzt kann ich endlich wieder etwas richtig machen. Jetzt kann ich wieder gut für ihn sein. Ich glaube das verstehen auch nur Leute, die eine D/s Beziehung geführt haben oder führen.
Mein Selbstwertgefühl ist inzwischen praktisch nicht mehr vorhanden.
Und das Schlimmste daran ist, dass seine Worte mittlerweile zu meiner eigenen inneren Stimme geworden sind.
Wenn er mir oft genug sagt, dass ich dumm bin, beginne ich selbst zu glauben, dass ich dumm bin.
Wenn er sagt, dass ich nichts richtig mache, suche ich ständig nach meinem nächsten Fehler.
Wenn er mir seine Aufmerksamkeit entzieht, frage ich nicht zuerst, ob sein Verhalten angemessen war. Ich frage mich: Was habe ich wieder falsch gemacht? Was kann ich tun damit er wieder glücklich ist und das ich seine Laune wieder kippe, sodass er zufrieden zu mir ist und mir wieder Aufmerksamkeit gibt.
Eine enge Freundin sagte kürzlich einen Satz zu mir, der mich sehr getroffen hat:
(Freunde und Familie wissen das wir eine normale Beziehung führen, aber nichts von unserer Dom/Sub Beziehung.)
„Er hat den Respekt vor dir verloren.“
Vielleicht stimmt das.
Ich habe so viel zugelassen und immer versucht, noch mehr zu geben, dass ich irgendwann überhaupt keine eigenen Grenzen mehr hatte.
Gleichzeitig möchte ich aber nicht so tun, als wäre unsere gesamte Beziehung vier Jahre lang schrecklich gewesen.
Das macht es für mich nämlich noch viel schwieriger.
Ich habe wunderschöne Erinnerungen mit diesem Menschen.
Ich kenne seine liebevolle Seite. Ich weiß, wie es sich angefühlt hat, nachts neben ihm einzuschlafen und morgens neben ihm aufzuwachen. Ich weiß, wie es war, gemeinsam zu verreisen, zusammen zu lachen, Geschenke zu bekommen, begehrt zu werden und das Gefühl zu haben, dass dieser Mensch mich niemals fallen lassen würde. Denn das hat er damals versprochen. Wenn du dich mir anvertraust, lasse dich nie wieder los…
Aber ich suche permanent diesen früheren Menschen in ihm.
Und jedes kleine bisschen Zuneigung lässt mich wieder hoffen, dass er vielleicht zurückkommt.
Ich bin mir sicher, die Entfernung hat unsere Beziehung nicht zerstört. Es kriselte schon bevor ich ging. Er war die treibende Kraft dazu, das ich diesen Job mache. Eigentlich glaubte ich, er ist der, der das Beste für mich will. Mittlerweile bin ich mir nicht sicher, ob er mich nicht nur Schritt für Schritt aus seinem Leben verdrängen wollte.
Ich weiß das seine Frustration darüber, dass andere Frauen fehlen, eine Rolle spielt. Er hat zu mir von Anfang an gesagt, das er mehrere Frauen braucht. Wie gesagt, das hat mich auch nie gestört und ich bin überhaupt nicht eifersüchtig, sondern selbst bi.
Um das aber auch nochmal klar zustellen, er hat zu mir gesagt ich muss die zweite Frau für uns finden. Nur leider ist das nicht so einfach vor allem, weil die Frau uns beide mögen muss und zwischen uns doch ein starker Altersunterschied ist. Ich habe alles getan um Sie zu finden, das tue ich auch heute noch. Mittlerweile suche ich für ihn alleine eine Frau, die mich ersetzen könnte, während ich weg bin. Ich habe aber kein Problem damit!
Der Mann, mit dem ich heute spreche, fühlt sich häufig nicht mehr an wie der Mann, bei dem ich damals mein Zuhause gefunden habe.
Und trotzdem kann ich mir ein Leben ohne ihn momentan kaum vorstellen.
Aber ich habe große Angst davor, was emotional mit mir passieren würde, wenn diese Beziehung endgültig zerbricht.
Ich habe Angst, in ein tiefes Loch zu fallen.
Ich habe Angst vor der Stille danach.
Ich habe Angst davor, morgens aufzuwachen und niemanden mehr zu haben, dessen „braves Mädchen“ ich sein kann.
Und vielleicht ist genau das mein eigentliches Problem:
Ich weiß nicht mehr, wer ich bin, wenn ich nicht ihm gehöre.
Deshalb schreibe ich hier.
Bitte sagt mir nicht einfach nur: „Trenn dich.“
Mein rationaler Kopf versteht längst, dass etwas nicht stimmt.
Ich möchte vielmehr Menschen hören, die selbst dort gewesen sind. Eine ähnliche Beziehung gelebt haben oder leben.
Ich will mich nicht trennen, aber ich weiß nicht was für ein Wutanfall morgen von ihm kommt, indem er mit erklärt, das ich nichts mehr für ihn tue.
Wie lernt man wieder, Entscheidungen für sich selbst zu treffen, nachdem jemand jahrelang das eigene Leben geführt hat?
Wie bekommt man seinen Selbstwert zurück, wenn man jahrelang gelernt hat, seinen Wert aus der Anerkennung einer einzigen Person zu beziehen?
Und besonders an Menschen aus der BDSM-/D/s-Welt:
Wie habt ihr gelernt, zwischen freiwilliger, intensiver Unterwerfung und einer Beziehung zu unterscheiden, in der eure Verletzlichkeit irgendwann gegen euch verwendet wurde?
Und meine wichtigste Frage:
Wird es irgendwann wieder gut?
Kann man einen Menschen so sehr lieben, dass man glaubt, ohne ihn nicht existieren zu können?
Ich möchte nicht mein ganzes Leben so fühlen wie heute. Ich weiß etwas ist falsch, aber ich bin zu sehr in meiner submissiven Rolle, das ich nicht mehr vorstellen könnte, wie es ohne ihn wäre.
Ich möchte nur irgendwie wieder herausfinden, wer ich eigentlich bin.
Danke an jeden, der bis hierher gelesen hat. Und danke für eure Antworten oder eure ehrliche Hilfe. Bitte nur keine Beleidigungen, wie ich diese Beziehung führe und lebe.